Singen ist Beziehung(sarbeit)
Die wichtigste Aussage zuerst: ich liebe meine Stimme! Ich habe sie gern, ich finde sie schön und ich kann nicht ohne sie. Sie ist seelisch und körperlich untrennbar ein Teil von mir und manchmal auch ein eigenständiger Organismus mit einem eigenen Willen.
Es gibt Tage, an denen ich ungeduldig werde, weil sie (also ich) nicht den Klang hervorbringt, den ich mir wünsche. Dann verliere ich vielleicht die Lust zu üben, bis ich mich wieder entspannt habe und neutral und bewertungsfrei nach dem nächsten stimmlichen Schritt schauen kann.
Und dann gibt es genauso die Momente, in denen ich mir stundenlang selbst zuhören könnte, weil die Stimme gerade mühelos sitzt und mich so glücklich macht. Wenn alles stimmtechnisch so ineinandergreift, dass ich genau die Musik machen kann, die mir gefällt. Wenn ich Aufnahmen von mir höre und der perfektionistische innere Kritiker gerade schweigt, und ich mich wieder neu in meinen Klang verliebe…
Alles, was uns als Mensch ausmacht und bewegt, hört man in unserer Gesangsstimme: das ureigene Timbre, intuitiv emotionale Musikalität oder Kopflastigkeit, eine Tendenz zur Überspannung oder zur Unterspannung. Und natürlich unseren alten Lieblingsfeind, den Schleim, individuell mehr oder weniger vorhanden und abhängig von vielen körperlichen Gegebenheiten wie Allergien, der Magengesundheit oder hormonellen Themen.
Eine Sängerin und ihre Stimme, das ist Beziehungsarbeit, ein Leben lang. Sie verzeiht mir auch mal, wenn ich mich nur zu 80 Prozent gut um sie kümmere und nicht zu 100 Prozent. Ich bleibe ihr dafür treu und schenke ihr alles, was ich an Hingabe zur Verfügung habe. Sie trägt mich und sie fordert mich heraus. Meine Stimme ist mein Zuhause.
Ich höre mir übrigens auch gerne selbst beim Sprechen zu. Wenn ich Sprachnachrichten in MessengerApps verschicke finde ich es spannend, mich so zu hören wie der Empfänger der Nachricht. Freunde sagen mir oft wie angenehm sie meine Sprechstimme finden.
Eine interessante Frage, die ich gerne Schüler*innen stelle: Magst du deine Stimme eigentlich, findest du sie „schön“? Die Antwort ist nicht immer ein selbstverständliches „Ja“, gerade von denjenigen, die eher leistungsorientiert ans Singen heran gehen. Viele Menschen kostet es Überwindung ihren Gesang aufzunehmen und die eigene Stimme so zu hören wie sie eben im Außen klingt. Oder beim Singen in den Spiegel zu schauen…wertfrei und in vollster Annahme der Elemente, die wir klanglich noch verbessern möchten.
Wie ist die Beziehung zu deiner Stimme? Die große Liebe deines Lebens oder…?