„Aber du kannst doch schon singen…“: seit dem Ende meines Gesangsstudiums vor 20 Jahren habe ich kontinuierlich weiter Unterricht genommen. Ich habe verschiedene Lehrer*innen ausprobiert und dabei vieles gelernt und manchmal eben auch nicht gelernt. Funktionale Stimmbildung nach Lichtenberg, Unterricht bei einer Solistin am Mainzer Theater, dann in einem renommierten Berliner Gesangsstudio…ich wollte alles ausprobieren und mir ein eigenes Bild von den vielen Wegen zum optimalen Stimmklang verschaffen. Bis ich dann beim Singen nach den Atemtypen (Ausatmer/Einatmer) mein stimmliches Zuhause fand.
Ich nehme immer noch regelmäßig Unterricht, weil ich es einfach zur Pflege meiner Stimme brauche. Um schwieriges Repertoire zu meistern, Vorsingen vorzubereiten und ein Korrektiv im Außen zu haben, das meine gesanglichen blinden Flecken erkennt und anspricht.
Wir Sänger*innen sind im Gegensatz zu den Instrumentalist*innen ja in der besonderen Lage, dass unser Instrument im Körper liegt und wir es nicht in den Händen halten und sehen können. Und unseren Klang hören wir eben nicht genau so, wie er beim Zuhörer ankommt. Natürlich können wir uns selbst aufnehmen und dann korrigieren, doch das beantwortet am Ende auch nicht alle Fragen. Besonders als Einatmer*in benötige ich da etwas Hilfe, denn die Tongebung ist für mich der passive Teil des Singens. Ich atme aktiv und bewusst ein, bereite meinen Ton vor und dann „singt es“. Ich gebe die Kontrolle ab und verlasse mich auf meine vorgenommenen Einstellungen im Atem, Vokalraum, emotionalen Ausdruck…sobald ich mir zu aktiv dabei zuhöre ist mein Ton nicht so frei, wie er sein könnte.
Singen ist eine subtile Art von Hochleistungssport, erfordert so sehr differenziertes Hinhören und Hinspüren. Ein fein eingestelltes Gefüge muskulärer Abläufe die geschmeidig bleiben, wenn man sie gut pflegt. Dranbleiben ist das absolute Zauberwort.
Natürlich ist auch Pause machen erlaubt. In den Sommerferien singe ich schonmal vier Wochen gar nicht. Und dann braucht es auch einige Übesessions, bis die Stimme wieder sitzt. Bis der Schleim abgeräumt ist, das Appoggio verlässlich spürbar ist, die Koloraturen laufen…und dabei hilft mir eben das Ohr im Außen, das kritische Hinhören meiner Lehrerin. Selbst wenn ich vieles schon weiß, ist die Umsetzung ein ständiger Prozess, bei dem ich Unterstützung brauche.
So wie ein Profisportler einen Trainer an seiner Seite hat, so haben wir Sänger*innen unsere erfahrenen, durch viele Jahre im Beruf erprobten stimmlichen Begleiter, die schon ein bisschen weiser sind als wir und uns ihre Perspektive zur Verfügung stellen.
Und so werden wir eben auch zu denjenigen, die unseren Schülern die beste Betreuung bieten können. Weil wir gelernt haben wie das geht: Hinhören und den Weg weisen, mit Hingabe, Geduld und Einfühlungsvermögen.
Es geht ein Gruß nach oben in Richtung meiner langjährigen Lehrerin Brigitta Seidler-Winkler, die dort von ihrer Wolke auf mich und meine Kolleg*innen herunterschaut. Danke für alles ❤️!